DIE – Kult-Krimis aus der ehemaligen DDR
Einst gab es sie im einheitlichen dunkelblauen Outfit, regelmäßig ein neuer Fall, jedes Buch für EVP (Endverbraucherpreis) 2,00 Mark. Wer Glück hatte, konnte eines der begehrten Exemplare erhaschen, denn allzu üppig wurde der Volksbuchhandel der DDR nicht mit den Krimis aus der DIE-Reihe bestückt.
Die Nachfrage war wie bei so vielen anderen Dingen oft größer als das Angebot. Warum war das gerade bei dieser Reihe so? Nun, es lag zum einen sicher an den Autoren.
Tom Wittgen alias Ingeburg Siebenstädt, Gerd Prokop, Jan Eik oder Hans Pfeiffer beispielsweise verstanden schon damals ihr Handwerk und umgingen geschickt dem ideologischen Erziehungsauftrag, den die damals angeblich konfliktfreie Gesellschaft dem Volk suggerieren wollte. Heraus kamen Kriminalromane, die sich besonders auch aus heutiger Sicht dadurch hervorheben, dass sie ohne unnötige Brutalität und Blutrünstigkeit auskamen. Im Vordergrund standen meist nicht Mord und Totschlag, sondern Machtmissbrauch, Wirtschaftskriminalität und Korruption. Und typisch für den Kriminalroman ging es in den Handlungen nicht primär um Täter und Opfer, sondern um die Lösung des Falles an sich. Die Raffinesse, die die Autoren dabei an den Tag legten, sucht heute manchmal seinesgleichen.
Neben der Lösung des Falles mussten sie nämlich auch immer darauf achten, dass sie ihre Ermittler im Auftrag des Staates handeln ließen, und die Täter auf den richtigen moralischen und damit eben ideologischen Weg zurückführten. Keine leichte Aufgabe, in einem Land, wo alles und jedes der strengen Zensur unterzogen wurde. Dennoch ist es den meisten Autoren in der DIE-Reihe, die im Verlag Das Neue Berlin erschienen sind, gelungen, eben jene ideologischen Einflüsse soweit zu umgehen, dass sie nicht vordergründig auf die Handlung Einfluss nahmen. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass die Originalausgaben bis zum heutigen Tag für zum Teil immense Summen antiquarisch gehandelt werden. Die DIE-Reihe hat bis heute ihre Leser.
Erfreulicherweise hat das auch Weltbild erkannt und bringt derzeit die DIE-Kriminalromane in einer Sammler-Edition wieder auf den Markt. In diesem Fall bietet sich diese Edition förmlich an, denn den Lesern von heute wird es nicht anders ergehen als den Lesern von damals. Wer einmal einen DIE-Krimi gelesen und seine tiefgründige Genialität entdeckt hat, wird mehr wollen.
Den Auftakt der Sammeledition macht auch gleich einer der bekanntesten Autoren aus der Reihe, hat er sich doch auch nach der Wende nochmals eine neue Leserschaft in den alten Bundesländern erschrieben –
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Tom Wittgen, Tod im Regen
Hinter dem Pseudonym Tom Wittgen verbirgt sich die am 26. April 1932 in Wittgensdorf bei Chemnitz geborene Ingeburg Siebenstädt. Nach dem Besuch von Grund- und Volksschule arbeitete sie in der Landwirtschaft und besuchte das Seminar für Soziale Frauenberufe in Chemnitz. Dieses schloss sie mit dem Staatsexamen ab. Danach machte sie an der Arbeiter- und Bauern-Fakultät Leipzig ihr Abitur und studierte Germanistik. |
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(Blaulicht war eine Heftreihe für Kriminalerzählungen, die erst im Verlag des Ministeriums des Innern, später im Verlag Das Neue Berlin erschien und insgesamt 280 Ausgaben hervorbrachte.)
Doch schon bald folgten ihre ersten Kriminalromane in der DIE-Reihe im Verlag Das Neue Berlin, in der sie ihre meisten Krimis veröffentlichte.
Neben Kriminalromanen schrieb Ingeburg Siebenstädt aber auch einige Drehbücher für die Fernsehserie Polizeiruf 110. Durch ihr kriminalistisches Schaffen wurde die Autorin gern als „Agatha Christie der DDR“ bezeichnet.
Inhalt Tom Wittgen, Tod im Regen:
Hanne Haller hat nach der Wende ihre Fernfahrerkneipe im Brandenburgischen für teures Geld renovieren lassen. Jetzt hat sie reichlich Schulden und das Geschäft läuft nicht so wie gedacht. Die Konkurrenz in der Nähe macht sich immer breiter. Doch die verschlafene Kleinstadt bewegt etwas ganz anderes. Irgendwo soll ein illegales Waffenlager versteckt sein. Und dann wird vor ihrer Kneipe noch eine junge Frau erschossen…
Inhalt Harry Thürk, Der maskierte Buddha:
Lim Tok, Privatdetektiv in Hongkongs glitzerndem Vergnügungsviertel Wanchai, hat einen Mord an einem Freund aufzuklären: ein Antiquitätenhändler ist erschlagen worden, und eine kostbare goldene Buddha-Figur aus dem Besitz des Toten spielt dabei eine unheilvolle Rolle.
Mit Witz und Verstand, vertraut auch mit allen Tricks, die das brodelnde Leben in der Sechs-Millionen-Stadt Hongkong gebiert, geht Lim Tok zu Werke und löst den Fall.
zu deren Gründungsmitgliedern er zählt und die er u.a. 1989 beim AIEP-Kongress in Mexiko vertrat. Für seinen Kriminalroman DER SIEBENTE WINTER erhielt er 1990 den “Handschellen”-Preis der Sektion Kriminalliteratur im Schriftstellerverband der damals noch existierenden DDR.
Im selben Jahr veröffentlichte er unter anderem (in TRANSATLANTIK, underground) einen Report über ein nicht stattgefundenes Honecker-Attentat (“Tod eines Ofensetzers”) und recherchierte in den Jahren nach der Wiedervereinigung eine Reihe von Kriminalfällen in der ehemaligen DDR, die er später in der Reportagensammlung BESONDERE VORKOMMNISSE veröffentlichte.
Inhalt Jan Eik, Wer nicht stirbt zur rechten Zeit:
Auf einem kleinen Podest, unter einem seiner überdimensionalen Gemälde, liegt die Leiche des Malers Seibold. Es ist ein offenes Geheimnis, dass er “gesoffen hat wie ein Loch”. Starb er an den Folgen seiner Alkoholsucht? Oder hat jemand nachgeholfen? Vogelsang, ein berühmter Berufskollege, hasste ihn. Seine schöne Lebensgefährtin Lola, die bei ihm nicht gerade den Himmel auf Erden hatte, verfügt nun über sein Bankguthaben. Kommissar Timm hat allen Grund, misstrauisch zu sein.
1997 wurde er ausgezeichnet mit dem “Glauser” (Krimipreis der Autoren für den besten deutschsprachigen Kriminalroman des Jahres 1996) für “Der unsichtbare Zweite”.
2001 folgten Auszeichnungen mit dem Berliner “Krimifuchs” für die Parr-Trilogie “Der unsichtbare Zweite”, “Das Netz der Schatten”, “Die Spitze des Kreises”.
Inhalt Hartmut Mechtel, Der blanke Wahn:
Joseph Kowalski ist Student und knapp bei Kasse. So lässt er sich für ein gutes Honorar auf das Experiment eines Gerichtspsychiaters ein. Geprüft werden soll, wie sich reale Haftbedingungen auf Normalbürger auswirken. Als Kowalski dann wegen Terrorismusverdacht verhaftet wird, glaubt er, das gehöre zum verabredeten “Spiel”, und als Beamte ihn massiv unter Druck setzen und den Quälereien sadistischer Mithäftlinge ausliefern, vermutet er eine Verwechselung. Es braucht seine Zeit, bis er ahnt, dass es um sein Leben gehen könnte.
Inhalt Gert Prokop, Einer muss die Leiche sein:
Etwa so fühlen denn auch jene Touristen, die der Gluthitze des Strandes mit einem kleinen Motorboot zur Pirateninsel entfliehen. Das in romantischer Umgebung arrangierte Mörderspiel, prickelnd-gruseliger Zeitvertreib für alle, schlägt jäh um in bitteren Ernst: Eine junge Frau aus ihrem Kreise wird tot aufgefunden. Plötzlich sehen sich vierzehn Bürger unserer Republik in einem fremden Land vor die Frage gestellt: War es Unfall? Selbstmord? Mord?
Es bleibt nun abzuwarten, welche Autoren ebenfalls in der Sammeledition erscheinen. Die Liste der Namen ist noch lang, reicht von Joe Alex über Karl-Heinz Berger, Bernd Diksen, Fritz Erpenbeck, Wolfgang Kienast, Klaus Möckel, Barbara Neuhaus, Hans Pfeiffer, Werner Toelcke bis Joachim Wohlgemuth, um nur ein paar der DIE-Autoren zu nennen.
Eines haben sie in jedem Fall alle gemeinsam, sie bieten dem Leser Spannung von der ersten bis zur letzten Seite, nicht selten regen sie zum Mitlösen des Falles an und vermitteln dabei mit ihrem ganz eigenen Charme auch noch ein Stück Zeitgeschichte.
von Anke Brandt (Herausgeberin des www.geisterspiegel.de)
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